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Aus der Vereinsgeschichte:
7. nach 1947

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Bei der Planung seit 1947 spielten auch Quartettvereinigungen wieder eine Rolle, wie das Plakat für die Konzerte 1948149 überliefert. Das Freund-Quartett aus München - damals wohl das beste deutsche Ensemble - wurde wiederholt eingeladen. Während es bei seinem Debüt in Wiesbaden im März 1947 das 3. Streichquartett von Hindemith und im Januar 1948 die Erstaufführung von Fortners 2. Streichquartett präsentierte, hatte man für sein drittes Konzert ein „konventionelles" Programm gewünscht.

Wenig später konnten die Wiesbadener Musikfreunde ein letztes Mal den Geiger Gerhard Taschner enthusiastisch feiern, der zuletzt vor allem als Solist in Orchesterkonzerten Berühmtheit erlangt hatte und wenig später von Rüdesheim nach Berlin umzog.
Gerhard und Gerda Taschner

Sonderkonzert mit dem Schneiderhan Quartett

 


Schneiderhan Quartett

Der Wiesbadener Kurier schrieb:

Wiederbegegnung mit dem Schneiderhan-Quartett
Ein künstlerisches Ereignis war es, das alle Musikverständigen und Musikliebenden zum Besuch des Sonderkonzertes aufrief, das der Verein der Künstler und Kunstfreunde veranstaltete. Der gute Besuch zeigte wieder die offenkundige Anhänglichkeit des Wiesbadener Publikums an die Meisterkonzerte des hochverdienten Vereins, der alten Pflegestätte derjenigen Kunstgattung, in der die Größten der Musik ihr Innerlichstes und die reinste Form der absoluten Tonkunst zum tönenden Ausdruck gebracht haben. Welch seelische Bereicherung bedeutete es wieder, als das berühmte Schneidenhan-Quartett in der gleichen glücklichen Zusammensetzung wie vor sechs Jahren - die Künstler Schneiderhan, Strasser, Moravec, Krotschak - klassische und romantische Musik darbot. Seine Ausgeglichenheit unter der bestimmenden Machtvollkommenheit des Primarius ist unübertrefflich, die vier homogenenen Instrumente vermitteln ein Wunder an Klangschönheit, der Adel der Tongebung, die verfeinerte, doch ungesuchte dynamische Beweglichkeit, die weich ineinanderfließenden Farben, die milden Akzente kaum nachahmlich - es wäre des Rühmens kein Ende, wollte man alle Vorzüge dieser einzigartigen Vereinigung aufzählen. (Wiesbadener Kurier 11.11.1949)

Dieses Sonder-Konzert war die Folge einer Überlegung, die der Vorstand in einem Rundbrief „An die Mitglieder und Kammermusikfreunde!" formuliert hatte, in dem es u. a. hieß: „Bis zur Währungsreform schritt nach dem 2. Weltkrieg der Verein von Erfolg zu Erfolg. Als Beispiel sei nur die wundervolle Brahms-Feier des Trios Gieseking-Taschner-Hoelscher genannt, bei dem sogar das große Walhalla-Theater nicht ausreichte." Danach sank die Zahl von rund 700 Mitglieder-Abonnenten 1948/49 auf 92. So stand man vor der Frage: „Sollen wir die Waffen strecken und dem seit 1872 im Kulturleben unserer Stadt kaum wegzudenkenden Verein ein unrühmliches Ende bereiten oder sollen wir alles aufbieten, um ihn zu retten? . . . Das Konzert des Schneiderhan-Quartetts ist sozusagen ein letzter Versuch, von dem es abhängt, ob wir weiter erlesene Kammermusik bieten können oder nicht... Wir bitten daher unsere Mitglieder und Freunde, am 9. November nicht nur selbst zahlreich zu erscheinen, sondern wirksam zu werben!" Der Aufruf hatte großen Erfolg - der Verein blieb am Leben.

Schon Anfang der fünfziger Jahre gelang es, auch namhafte ausländische Interpreten wieder einzuladen, um nicht zuletzt den Anschluß an das internationale Niveau der Kammermusik-Interpretation zu finden. Allerdings zeigte sich bald eine Wandlung im allgemeinen Musikbetrieb. Die großen Namen, die Publikum anlocken sollten, verlangten Honorare, die der Verein nicht aufbringen konnte. Da weniger Hörer kamen, mußte man in kleine Säle gehen. Zur selben Zeit wendeten sich die bedeutenden Solisten und sogar einige Ensembles bis hin zum Amadeus-Quartett, das nur aus einem Treuegefühl heraus und dank der Überredungskunst verschiedener Vereins-Vorsitzender bei „Künstler und Kunstfreunde" spielte, den großen Konzertsälen zu, den Begriff „Kammermusik" negierend.

So hatte der Verein Mühe, mitzuhalten, ohne das alte Ideal zu verraten. Es fehlten vor allem die jungen Hörer, die von einem „Verein" - zumal mit einem nach dem zunächst verpönten 19. Jahrhundert klingenden Namen- grundsätzlich nichts wissen wollten. Es fiel schwer, Konsequenzen zu ziehen. So, wie Ober-Regierungsrat Hermann Moritz und vor ihm Amtsgerichtsrat Dr. Walther Hardtmuth in den zwanziger Jahren geschickt um die Zeit-Klippen steuerten, gelang es nach 1947 Dr. Max Quentel, Dr. Hugo Caspari, dann Dr. Felix Kahle, Dr. Carl Jung, Dr. Bertram Graubner, vor allem aber Hermann Dyckerhoff in seiner mehr als zehnjährigen Tätigkeit und ebenso deutlich nach ihm seit 1976 Dr. Hans Otto Jung, den Verein der Künstler und Kunstfreunde wieder zu einem unverwechselbaren Aktivposten im Wiesbadener Musikleben werden zu lassen.

1950 wurden zum zweiten Mal Deutsch-Französische Kulturtage in Wiesbaden veranstaltet. Dr. Caspari hatte die glückliche Idee, der Deutsch-Französischen Gesellschaft eine Kooperation mit dem Verein anzubieten, die in den fünf Jahren von 1950-1954 erfolgreich stattfand. Durch diese Verbindung entstand die Möglichkeit, namhafte ausländische Musiker im Verein spielen zu lassen. Die erste gemeinsame Veranstaltung im Oktober 1950 war ein Konzert mit dem damals wohl bekanntesten Cellisten Pierre Fournier.

Ein Jahr später folgte eine Beethoven-Feier mit Lesungen und Musik im Zusammenhang mit einer Ausstellung der Beethoven-Plastiken von Bourdelle.

Die Deutsch-Französischen Kulturtage 1952 fielen dann in eine Jubiläumssaison des Vereins, die wieder Besonderes bot. Zum 80jährigen Bestehen veranstaltete man einige Festkonzerte. Einem Klavierabend mit Eva- Maria Kaiser folgte die Wiederbegegnung mit dem Duo Elly Ney/ Ludwig Hoelscher, und die „Ovationen wollten kein Ende nehmen. Man feierte das Wiederaufleben des Vereins nach dem 2. Weltkrieg".

Im letzten Konzert spielte das Vegh-Quartett, 1935 in Budapest gegründet, nun in Frankreich ansässig. Es hatte längst Weltrang erreicht und konzertierte noch oft im Verein. Vor dem Abschluß des Jubiläumsjahrs mit diesem Ensemble fand erneut ein „Deutsch-Französischer Kammermusikabend" statt. Diese „Kulturtage" erwiesen sich als herausragende Ereignisse der fünfziger Jahre in Wiesbaden. Es war ein großes Ereignis, als Jean Francaix erstmals nach Wiesbaden kam. Als Komponist und Interpret stand er im Mittelpunkt mit „Musikalischen Heiterkeiten" beim Deutsch-Französischen Kammermusikabend 1953 -„ein musikalischer Genuß von hohen Graden".

Eine letzte Kooperation 1954 brachte die namhafte Pianistin Monique Haas für ein Konzert in den Verein.

 

Die Veranstaltungen der letzten Jahre hatten manche Kontakte zu ausländischen Musikern zur Folge, was sich in den Konzertprogrammen deutlich auswirkte. So spielte das Loewenguth-Quartett aus Paris noch einige Male im Verein, aus New York kam zweimal das Juilliard String Quartet und bereits 1955 (von da an sehr oft) das Amadeus-Quartett.

„Über 90 Jahre im Dienst der Kammermusik" hieß es, als Paul Badura-Skoda und Jörg Demus für die 900. Veranstaltung des Vereins im Oktober 1963 zu einem Festkonzert eingeladen waren. Aus dem letzten Vierteljahrhundert sind eine Reihe von wichtigen Interpreten zu nennen, die den neuen Rang der Vereinsarbeit bestätigen.

Die Sängerinnen Elisabeth Schwarzkopf (sie kam mehrmals), Gisela Litz und Agnes Giebel beeindruckten; dennoch kam man von Liederabenden wieder ab. Helmut Walcha am Cembalo zu erleben, war ebenso ein Ereignis wie die Begegnung mit dem jungen Pianisten Christoph Eschenbach. Auch das junge deutsche Melos- Quartett wurde schon früh hier bekannt gemacht - ab 1968. Im folgenden Jahr erschien Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus auf alten Instrumenten, vor allem aber mit einer wegweisend historisch orientierten Phrasierung und Artikulation, mit der die alte Musik aufregend neu und lebendig wirkte. Erstmals kam das neue Bartok-Quartett und beeindruckte nachhaltig.

Auch ungewöhnliche Akzente blieben nicht aus - und sei es Norman Shetler mit seinen musikalischen Puppen, deren Parodien köstlich amüsierten. Die Reduktion auf nur noch sechs Konzerte schien notwendig zu sein, ebenso wie die Hinwendung zu jungen Interpreten, die bezahlbar blieben und Entdecker-Freuden befriedigten. Man erkannte, daß es auch ohne „Stars" ging.

Die Jubiläumssaison wurde mit besonderen Konzerten gefeiert. So erlebte man erstmals die hervorragende Pianistin Branka Musulin, die dann noch oft spielte. Ebenso beglückt war das Publikum wenig später vom Beaux Arts Trio, dem besten Ensemble unter den Klaviertrios der Welt - und die drei Herren kamen gern immer wieder zu „Künstler und Kunstfreunde".

Für ein wichtiges Konzert im Januar 1980 wählte ein Rezensent folgende Überschrift:

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Verein der Künstler und Kunstfreunde
Die 1000. Veranstaltung
Streichquartett als Herausforderung
Jubiläumskonzert mit dem Amadeus-Quartett im Kurhaussaal
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Die Veranstaltung fand große Resonanz. Aber nur noch einmal konnten die Wiesbadener 1985 dieses Ensemble hören - zwei Jahre später starb Peter Schidlof, und sein Tod bedeutete das Ende des Quartetts. Einige Interpreten stehen heute für neue Zugkraft, aber auch für einen erneuerten Geist, abseits einseitig konventionellen Denkens. Ihr Erfolg bestätigte, daß sich einerseits ein Wandel vollzog, andererseits die gute alte Tradition in diesem Verein bewahrt werden konnte, die eben darin besteht, Maßstäbe zu setzen, Neues zu wagen.

Neben dem ehrwürdigen Vegh-Quartett, das sich leider auflöste - aber Sändor Vegh kam allein wieder und faszinierte das Publikum mit seinem musikantisch bewegten Spiel - hörte man junge Quartette, das Kreuzberger-, das Bartholdy-Quartett, später auch das Alban-Berg-Quartett, dann das Mannheimer-, aber auch das Prazak- und das Vogler-Quartett, nicht zu vergessen das Emerson- und das Muir sowie das Carmina-, schließlich das Orpheus- Quartett. Allein diese Aufzählung junger, erstklassiger Streichquartette zeigt an, wie wichtig die Konzerte dieses Vereins wieder geworden sind. Ebenso sorgten früher schon berühmte Ensembles wie z. B. das Lasalle-Quartett - mit einem Werk Zemlinskys - für die Bedeutung des Vereins im Kaleidoskop des Wiesbadener Musiklebens.

Auch das junge Zimmermann-Trio der Geschwister um die Bratschistin Tabea Zimmermann, das attraktive Fontenay Trio, das Grüneburg Trio, junge Klaviersolisten wie Suzanne Bradbury oder Matthias Zimmermann können genannt werden, will man die verantwortungsvoll den Nachwuchs fördernde und zugleich gewichtige Konzert-Planung wie -Profilierung bei diesem Verein belegen. Und mit einem 7. Konzert kommt auch der Gesang wieder zu alten Ehren - angefangen mit der Entdeckung der jungen Christiane Oelze, die in Schönbergs 2. Quartett so eindringlich sang, daß man einen Satz wiederholen mußte - ein Symptom für sich: wo sonst wird ein Schönberg-Stück wiederholt? Mitsuko Shirai sang ein Jahr später zusammen mit Oliver Widmer Duette -am Klavier wirkte Hartmut Höll, ein phänomenaler Partner von Gesangssolisten.

Die Unterstützung durch die Stadt Wiesbaden, die über lange Zeit einen jährlichen Zuschuß für die Konzertreihe gab, ist heute nicht mehr möglich. Geblieben ist die Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk, der mit seinem Nachwuchs-Forum, von Hans Koppenburg geleitet, wichtige Schützenhilfe leistet.

Zum 50jährigen Bestehen der Künstler und Kunstfreunde schrieb Wilhelm Lange über diesen Verein: „Möge es gelingen, daß er, der für unser Wiesbadener Kunstleben ein durchaus notwendiger Kulturfaktor geworden ist, auch fernerhin allen Schwierigkeiten trotzen zum Heile unseres Musiklebens in Wiesbaden und der königlichen Kunst, der Musik."

Und bei der Vorstellung des Programms für die Saison 1929/1930 meinte der Vereinsdirektor Hermann Moritz angesichts der neu verpflichteten Interpreten, die Namen bürgten dafür, daß das Wort eines prominenten Kritikers recht behalte: „Der Verein der Künstler und Kunstfreunde als älteste und vornehmste Kunststätte der Art bleibt bestrebt, das Publikum mit den ersten und besten - nicht etwa den ersten besten - ausübenden Künstlern der Gegenwart bekannt zu machen, und die Mitglieder und Gäste des Vereins dürfen im voraus versichert sein, daß jedesmal auserlesene Kunstgenüsse geboten werden."

Die Kritiker-Kollegen von 1992 dürften zum 120jährigen Bestehen des Vereins der Künstler und Kunstfreunde nichts hinzuzufügen haben.

Wir sind am Ende der kleinen Chronik angelangt, die in großen Zügen 120 Jahre Vereinsgeschichte widerspiegelt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können.

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