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Aus der Vereinsgeschichte
4. Zeit des ersten Weltkrieges

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Weitere vierzehn Tage zuvor hatte das nicht minder bedeutende Rose-Quartett Mendelssohn-, Brahms- und Mozart-Quartette im Casino gespielt. Nochmals einen guten Monat zurück hatte es einen reizvollen Abend mit besten Interpreten aus Berlin gegeben, mit dem grandiosen „Fräulein Emmi Leisner, Konzertsängerin aus Berlin, Herrn Professor Carl Flesch aus Berlin (Violine), Herrn Professor Franz Mannstaedt von hier (Klavier)". Daß Flesch einer der bekanntesten Geiger seiner Zeit in der ganzen Welt war, wurde hier nicht einmal erwähnt. Offenkundig wußten die Wiesbadener damals, welche Koryphäen sich bei ihnen einzufinden pflegten. Bezeichnend das Programm, das noch an frühere Potpourris erinnert:


Dienstag, den 5. Januar 1911: Fünftes Konzert im grossen Saale des Kasino.
Mitwirkende: Fräulein E m m i L e i s n e r, Konzertsängerin aus Berlin, Herr Professor Carl Flesch aus Berlin (Violine), Herr Professor Franz Mannstaedt von hier (Klavier).
Programm:
1. Sonate für Klavier und Violine von Joh. Brahms.
2. Lieder von Beethoven.
3. Sonate für Violine allein (op. 44 Nr. 1) von Max Reger.
4. Lieder von Richard Strauss, Ed. Grieg und Rob. Franz.
5. Sarabande und Tamburino von Lecleir.
6. Volkslieder von ]oh. Brahms.

Gewiß hatte es Franz Mannstaedt erreicht, daß soviele „Stars" des internationalen Musiklebens (wie man heute sagen würde) nach Wiesbaden kamen - jener vielseitige und auf Jahrzehnte hin für Wiesbaden unentbehrliche Pianist und Dirigent, dem der Verein als künstlerischem Berater Wesentliches zu danken hatte. Mannstaedt gehörte von 1887 bis zu seinem Tode Ende 1931 dem Vorstand an, spielte für den Verein in nahezu 100 Konzerten als Klavierpartner bedeutender Instrumentalisten oder dirigierte gelegentlich Orchesterkonzerte mit Musikern der königlichen Hofkapelle im Casino-Saal. Bis 1924 Königlicher Musikdirektor in Wiesbaden, war durch ihn das Engagement vieler berühmter Künstler möglich. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß in jener Saison 1909/1910, die mit dem genannten Besuch des Klingler-Quartetts für sämtliche Beethoven-Quartette endete, auch diese herausragenden Musiker in Wiesbaden spielten: der Geiger Efrem Zimbalist aus Moskau, der Geiger Bram-Eldering, der Violoncellist Friedrich Grützmacher, dann mit Trios von Brahms, Beethoven und Schubert der Pianist und Komponist Ernst von Dohnanyi (Großvater des heute weltberühmten Dirigenten Christoph von Dohnanyi, Chef in Cleveland), der große Geiger Henri Marteau und der beliebte Violoncellist Hugo Becker.

Auch in den Jahren zuvor tauchten dank des Vereins namhafte Interpreten in Wiesbaden auf - es sei hier nur erinnert an den Pianisten Frederic Lamond, an das Böhmische Streichquartett mit so berühmten Mitgliedern wie Josef Suk und Hans Wihan, an den Sänger Ludwig Wüllner sowie den großen Julius Stockhausen, der 1887 einen besonders interessanten Abend gab, indem er Schuberts „Winterreise" zwischen vier Schülerinnen und Schülern seiner Frankfurter Gesangsklasse und sich selbst aufteilte, von vier Stücken aus Schumanns „Kreisleriana" unterbrechen ließ - eine seltsame Methode, hinsichtlich des Einbezugs junger Interpreten aber besonders sinnreich.

Elly Ney sollte es, auch in Wiesbaden, bei diesem Verein, vierzig Jahre später ebenfalls tun, als sie den jungen Violoncellisten Ludwig Hoelscher herausstellte.


Elly Ney und Ludwig Hoelscher

Am 8. November 1904 gab der Verein ein geradezu aufregendes, im besten Sinne sensationelles Konzert, wie man vielleicht erst im Rückblick feststellen kann - ein Konzert, auf das bislang die Chronisten nicht besonders hingewiesen haben. Es gastierte „La Societe de Concert des Instruments Anciens", geleitet von Camille Saint- Saens, der am Quinton zu hören war, einem in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert verwendeten Streichinstru- ment, einer Diskant-Viola. Mehrere Mitglieder der Musiker-Familie Casadesus wirkten mit. Neben Clavecin gab es alte Streichinstrumente zu hören, Gambe und Viola d'amore beispielsweise.

Der große Erfolg des Konzertes veranlaßte den Verein, das Ensemble im November 1912 zu einer ähnlichen Veranstaltung wieder einzuladen. Es gab also schon damals - und mehrfach fortgesetzt - Bemühungen, die alte Musik historisch getreu erklingen zu lassen - und das in Wiesbaden, über ein halbes Jahrhundert bevor Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus zum Verein der Künstler und Kunstfreunde kam, um seine revolutionierenden Ideen zur Neuaneignung der alten Musik hier vorzuführen, und das zu einer Zeit, in der er noch weithin kein Begriff war.

Beim 50jährigen Bestehen des Vereins - 1922 - sah man schweren Zeiten entgegen. Daß es im Kriege gelungen war, Konzerte auf bekanntem Niveau zu veranstalten, erstaunt zunächst. Der Chronist Wilhelm Lange schrieb dazu:

Trotz des Krieges und der Revolution mit ihren Folgen ist es bis jetzt gelungen, die künstlerischen Veranstaltungen des Vereins auf ihrer bisherigen Höbe zu halten. Das ist vor allem dem unermüdlichen, selbstlosen Wirken des Vorstandes und der hervorragenden pianistischen Mitwirkung des künstlerischen Leiters, Herrn Professor Franz Mannstaedt, zu danken, die, trotz der gewaltigen Schwierigkeiten, stets bemüht gewesen sind, durch Heranziebung ausgezeichneter Künstler das Beste und Edelste auf musikalischem Gebiete zu bieten.

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