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Aus der Vereinsgeschichte
2. bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts

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Aber man sollte auch daran denken, daß 1872 in Wiesbaden nicht mehr als 36000 Menschen wohnten, freilich noch ohne die Vororte wie u.a. Sonnenberg und Biebrich. In der Relation waren jene 180 Mitglieder, die der Verein bereits zwei Jahre nach seiner Gründung aufwies, ein hoher Prozentsatz. Der Andrang zu den Veranstaltungen wurde so groß, daß man aus verschiedenen Hotels, in denen man vorerst tagte, 1873 in das große Hotel Viktoria umsiedelte, 1907 schließlich in das „Casino", in dem man vorerst bis 1936 blieb, um dann im Residenztheater Unterkunft und hinreichenden Platz zu finden. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog man wieder in das „Casino", in dem noch heute die Konzerte stattfinden - einem idealen Rahmen.

In der ersten Versammlung nach der Gründung gab es einen Vortrag des Geheimen Regierungs-Rates Dr. Carl Georg Firnhaber. Er war der erste Vereins Direktor und sehr wahrscheinlich der eigentliche Gründer des Vereins, wenigstens der entscheidende Anreger, der Oberlehrer und Konrektor Bogler offenkundig aufgefordert hatte, an der Gründung wesentlich mitzuarbeiten. Genau läßt sich jene Situation nicht mehr klären, doch schrieb Firnhabers Tochter Helene Freifrau von Schroetter am 17. 9.1936 an den damaligen Vereins-Vorsitzenden, Regierungsrat Moritz, sie wüßte aus den achtziger Jahren, daß es die Idee ihres Vaters gewesen sei, den Verein in's Leben zu rufen. Er habe Bogler "aufgefordert", habe seinerseits den ersten Vortrag gehalten und eben den Vorsitz übernommen, den er nach zwei Jahren an Kapellmeister Jahn abtrat, um aber 1881 erneut die Leitung des Vereins zu übernehmen - bis 1885. Firnhaber starb 1888.


Vereinsgründer Dr. Carl Georg Firnhaber

In ihren Erinnerungen, die 1946, zwei Jahre vor ihrem Tode, herauskamen, schrieb die Firnhaber-Tochter, daß der Vater den Verein gegründet habe. Sie hatte schon in ihrem Brief von 1936 gebeten, bekannt zu geben, was ihrer Auffassung widersprechen würde. Da keine Einwände kamen, müssen wir heute annehmen, daß Firnhaber der eigentliche Vereinsgründer gewesen ist.

Er war eine starke Persönlichkeit, ein hochgebildeter, vielseitiger, sehr musikalischer Mann, der als Pädagoge Bedeutendes leistete. In Wiesbaden war Wilhelm Dilthey, der bekannte Philosoph, sein Schüler.
Firnhabers erster Vortrag im neuen Verein hatte das Thema „Die Aufführung altgriechischer Tragödien auf unsern Theatern". Mitglieder des Vereins trugen ergänzend Szenen und Chöre aus Sophokles' „Antigone" mit der Mendelssohn'schen Musik vor. In den nächsten zwei Vorträgen wurde über die Bedeutung der griechischen Baukunst und dann über Webers „Freischütz" referiert.

Die Vielzahl der weiteren Vorträge ist sehr erstaunlich und spricht für den Eifer jener Mitglieder des Vereins, die sich nicht nur passiv beteiligten. Bald mußte man Referenten von außerhalb Wiesbadens engagieren. Der Anteil der Musik wurde immer größer, wobei sehr oft auch aktuelle Musik erklang, in erster Linie allerdings Musik von Beethoven. Gemäß der Absicht der Vereinsgründer traten als Interpreten vornehmlich Wiesbadener Musiker auf. Schon 1874 war bei einigen Veranstaltungen der Andrang so groß, daß man sich entschloß, in den großen Konzertsaal des Kurhauses zu gehen. Und der Kassierer konnte einen erheblichen Überschuß feststellen - 1163 Gulden, ein stattlicher Betrag.

Doch 1875 gab es einen starken Einschnitt in die Arbeit des Vereins. Die Kurdirektion, offenkundig neidisch geworden angesichts jenes Erfolges des jungen Vereins, veranstaltete mehr und mehr eigene Vortragsreihen, die viele Interessenten vom Verein abzuziehen vermochten. So sahen sich die Verantwortlichen im Verein gezwungen, das groß angelegte Gesamtprogramm mehr und mehr auf den musikalischen Bereich zu konzentrieren. Auch auswärtige Musiker wurden nun eingeladen. Im Programm der Konzerte finden wir viele Lieder und Arien oder Opernausschnitte, dazu Solovorträgevon Instrumentalisten. Es gab Pianisten und Streicher, auch Bläser, die eher kleinere Kompositionen beitrugen.
 

Programme wie das folgende können als kennzeichnende Beispiele genannt werden.
 

Freitag, den 9. Oktober 1874: 1. Hauptversammlung Im Vereinslokal (Neuer Nonnenhof).

Programm:
1. C-moll Sonate für Klavier und Violine von BeetMoven.
2. Dein gedenk Ich im Traum-, Männerquartett von Zimmermann.
3, Erster Satz der Es•dur•Sonate von Weber.
4. Ein Kapitel aus einem unvollendeten Roman -Eine Theaterprobe-, vorgelesen vom Dichter des Romans (Schultes.)
5. a) Elegie von Ernst; b) Romanesce von Bott für Violine.
6. Lieder von Brahms
7. Männerquartette.


Am 22. September 1876 beschloß der Vereins-Vorstand, die Kammermusik-Veranstaltung der Geiger Rebicek und Knotte, des Bratschers Kaiser und des Violoncellisten Hertel in das Vereins-Programm aufzunehmen. Ein Streichquartett hatte es bis dahin so gut wie nie gegeben. Auch jetzt kombinierte man weiterhin gern verschiedene Besetzungen. Aber am 10. November 1876 kam es zur ersten von vier Soireen für Kammermusik, in der jene vier Quartett-Herren ausnahmslos Streichquartette von Beethoven, Schumann und Haydn boten.

Mit diesem Quartett-Start begann eine Entwicklung, die bald zu einer Profilierung des Vereins einmal als Kammermusik Zentrum der Stadt, dann als Spezialist für Streichquartett-Konzerte führte. Und bis zum Ende des 20. Jahrhunderts dominierten die Streichquartette im Gesamtprogramm des Vereins. Auch Varianten dieser eindeutigsten Form von Kammermusik, des Streichquartettes, also Trios, Quintette bis hin zu Oktetten, fanden Aufnahme. Man wechselte sehr wohl auch mit Bläserquintetten ab, erinnerte außerdem mit Vokalquartetten an die ursprüngliche, sozusagen familiäre Seite der Musik-Abende. Für Abwechslung war gesorgt.

Erst langsam, im Zuge der Zeit, konzentrierte man sich auf gewichtige Werke und einheitliche Besetzungen. Der bunten Folge trauert man manchmal nach, so unrealistisch es ist, sie wieder herstellen zu wollen. Aber eine andere Beobachtung könnte Folgen für die Zukunft haben, die Tatsache nämlich, daß in diesem Verein der Künstler und Kunstfreunde offenkundig die Begegnung mit aktueller Musik kein Problem war. Mag sein, daß die neuen Werke von vor hundert Jahren weniger problematisch wirkten als solche im 20. Jahrhundert. Dennoch ist es auch seinerzeit nicht ohne den Willen gegangen, sich mit neuen Werken auseinanderzusetzen, mochten ihre Komponisten auch Verdi (sein Streichquartett, Ende 1876) oder Brahms (sein Streichsextett G-Dur, Anfang 1878) geheißen haben, später dann Richard Strauss und Max Reger, die schließlich ihren Hörern durchaus strapaziöse, auch aggressive, jedenfalls neuartige Formulierungen „zumuteten".

Noch auf viele Jahre hin war es bei diesem Verein also selbstverständlich, „moderne" Musik einzubeziehen. Wenn Mitte des 20. Jahrhunderts Kompositionen beispielsweise von Wolfgang Fortner in die Programme eingeschleust wurden, dann wohl eher deshalb, weil dieser Komponist mit dem Hause Jung in Rüdesheim eng befreundet war, während Dr. Carl Jung schon seit 1907 dem Verein in Wiesbaden angehörte.
Immerhin, soviel kann schon hier gesagt werden: Ende des 20. Jahrhunderts hatten oft Werke, die Anfang dieses Jahrhunderts entstanden waren, aber immer noch als „moderne Musik" angesehen wurden, bei diesem Verein sehr wohl offene Ohren und erfolgreiche Wiedergaben gefunden. Es baute sich also im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts sowohl mit der Akzentuierung des Streichquartetts als auch dem Einbezug aktueller Musik eine Tradition auf, die wegweisend für die Arbeit des Vereins werden sollte.
Man erkannte, daß es sich bei der Kammermusik um die Krone des Konzertlebens handelte, daß hier hohe Qualität herrschte.

Die Entwicklung von „bildungsbürgerlichen" Abend-Unterhaltungs-Programmen zur höchsten musikalischen Kunstform vollzog sich natürlich über viele Jahre, ja Jahrzehnte hin langsam und auch mit wechselndem Gelingen. So stellte es sich bald heraus, daß das Wiesbadener oder hauseigene Quartett der genannten Herren nicht mehr den Anforderungen des Vereins standhalten konnte. Es gab immer wieder Wechsel in der Besetzung. 1888 kam mit Professor Herrmann aus Frankfurt ein Geiger hinzu, der aber nach einem Jahr das Wiesbadener Ensemble nicht mehr zusammenhalten konnte. So wurde er gebeten, sein Frankfurter Quartett in Wiesbaden spielen zu lassen. Auch in diesem kam es zu vielen Umbesetzungen, bis man sich 1906 auflöste.

Von da an holte sich der Verein Gäste, namhafte Kammermusik-Vereinigungen, die freilich mehr Honorar forderten, so daß sich eine völlig neue Entwicklung nicht vermeiden ließ, eine Entwicklung, bei der die Vereinsgelder bald nicht mehr ausreichten. Mäzene waren schnell gefragt - sind es bis heute noch. Private Spenden konnten noch lange Zeit hin verhindern, daß man „Protektion von oben" oder „Rückhalt an dem Wiesbadener Steuerzahler" in Anspruch nehmen mußte.

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