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Aus der Geschichte des Vereines

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Im folgenden geben wir Auszüge aus einer Festschrift wieder, die der Verein zu seinem 120 jährigen Jubiläum im Jahre 1992 herausgab.

KAMMERMUSIK
Die Krone des Konzertwesens

Der 120jährige "Verein der Künstler und Kunstfreunde"
als Spiegel der Wandlungen im Musikleben Wiesbadens

von Wolf-Eberhard von Lewinski
unter Mitarbeit von
Ursula Jung


1. Die Gründung

"Wir erfreuen uns keiner Protektion von oben und keines Rückhaltes an dem Wiesbadener Steuerzahler; was wir sind, das sind wir durch uns selbst. Ideales Streben, treues Zusammenhalten und – niemals und unter keinen Umständen eine Konzession an den schlechten Geschmack: das sind die Mittel, die uns fördern". Mit diesen stolzen Formulierungen endet der Jahresbericht des "Vereins der Künstler und Kunstfreunde e.V. Wiesbaden" vom Jahre 1903/1904. Fast ließe sich dieses Zitat als Programm jener Vereinigung von Freunden der Kunst, nicht weniger der Künstler selbst bezeichnen, auch wenn sich  in der nun 120 jährigen Geschichte dieses Vereins, sehr wohl im Zusammenhang mit der allgemeinen soziologischen Entwicklung, jenes Ziel nicht immer hat erreichen lassen. Doch Idealismus und auch Mäzenaten-Geist haben den Verein am Leben erhalten können, auch in sehr schwierigen Zeiten.

Die Geschichte des Vereins nimmt sich wie die Spiegelung einer Entwicklung aus, die im Politischen wie im Ästhetischen ihre Spuren auch in einer so relativ kleinen Institution hinterlassen hat.  Es ist dabei sehr aufschlußreich, wie jeweils vom Verein auf die sich wandelnde Welt reagiert wurde. Wer aus diesen 125 Jahren Existenz die wesentlichsten Akzente herausgreift und an ihnen entlang den Weg des Musiklebens, ja des Lebens überhaupt ablesen will, erkennt das Charakteristische einer Zeit im Wechsel der Geschicke. So kommt es bei der Rückschau auf dieser Seite weniger auf Vollständigkeit im Sinne einer durchgehenden Chronik an, mehr auf Symptomatisches in der Vereins-Geschichte.

Als sich am 16.  Februar 1872 im Taunus Hotel zu Wiesbaden achtzig Herren der Stadt zur konstituierenden Versammlung trafen, wurde nach der Wahl des Direktors und des Ausschusses in einer Ansprache mitgeteilt, "was wir wollen".

Es folgte ein ungewöhnliches Programm, das Maßstäbe setzte für die Zukunft:

    Tagesordnung:

    I. Wahl des Direktors und des Ausschusses.

    II.     1. Ansprache, was wir wollen.

      2. -Gruss an den Verein-, gedichtet von H. Dickmann, komponiert von W. ]ahn, vorgetragen von Herrn Philippi.

      3. -Künstler und Publikum-, Vortrag des Herrn Bürgers.

      4. Sonate für Pianoforte und Violine (G-dur) von L v. Beethoven, vorgetragen von Herrn J. Buths und Konzertmeister R e b i c e k.

      5. «An die Künstler», von Schiller, vorgetragen von Herrn Rathmann.

      6. Anrede Pogners aus den Meistersingern von Ricbard Wagner, vorgetragen von Herrn Sieht.

 


Die ersten Jahre

Die weiteren Zusammenkünfte, "Hauptversammlungen" genannt, verbanden sehr bezeichnend Vorträge aus verschiedenen Wissens-Bereichen mit Musikstücken, die zumeist eine innere Entsprechung hatten zum Vortrag.  Diese Programme zeigen deutlich die erklärte Absicht des neuen Vereins", die Kenntnis und das Verständnis der Kunstwerke und die Interessen der Kunst zu fördern und einen Vereinigungspunkt für die hiesigen Kunstbestrebungen zu bilden".  Eine sinnvolle, noch heute zu bewundernde Aufgabenstellung, fein abgewogen: Kenntnis und anschließend Verständnis haben, zur Bereicherung des Menschen beizutragen. Die Kunst galt es hinsichtlich ihrer "Interessen" zu fördern, was wohl nichts anderes heißen konnte, als den Werten eine Chance zuteil werden zu lassen, die entscheidend für das Leben der Menschen sind. Wenn man damals meinte, eine solche Förderung sei notwendig, so schließen wir heute daraus, daß es in einer stark politisch ausgerichteten, dazu industriell engagierten Welt, automatisch materialistisch, auf das Äußere orientiert, notwendig war, der Kunst oder dem Künstler ein Daseins-Recht zu verschaffen.  Daß hierzu die Initiative von den Bürgern ausging, man nicht wie in unserer Zeit primär an den Staat als Helfer dachte, ja sogar die Unabhängigkeit im Finanziellen vom Staat positiv herausstellen konnte, ist ein wichtiges Zeichen, mit dem jene Zeit in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet ist. Und das sehr wohl in der Folge einer allgemeinen Entwicklung des Bürgertums, hier im gefestigten Nachklang dessen, was mit der Emanzipation des Bürgers anfangs jenes Jahrhunderts begonnen hatte.

Dabei erwies sich, daß die Verbürgerlichung nicht nur eine Nivellierung der Kunst bedeutete, sondern eine ausgesprochene Eliten-Bildung vonstatten ging, mit der für die hohe Qualität im schöpferischen Bereich gesorgt war.  Mag man von heute aus auch ein wenig naserümpfend die "Vereinsmeierei" von damals verspotten: ein solcher Verein zur Förderung der Kunst wie der Künstler hatte seine spezifische Funktion wie Bedeutung für das Leben generell.  Wenn 1872 nur Herren zugelassen waren, so ist das ein zwar belustigender, doch aus der Zeit heraus zu erklärender Fakt, parallel zu vielen anderen Einrichtungen für die Männer unter sich, bis hin zu Herrenclubs und Männergesangvereinen.  Immerhin "durften" bereits 1877 die Damen einbezogen werden, was allein schon von daher notwendig wurde, daß bei den Interpreten im musikalischen Bereich ein Verzicht auf das weibliche Element kaum durchzuhalten gewesen wäre.

Bezeichnend nimmt es sich ferner aus, wie man die Programm-Idee realisieren wollte.  Der Verein suchte jene selbstgestellte Aufgabe "zu lösen durch Veranstaltungen von Vorträgen über Gegenstände aus verschiedenen Kunstgebieten, von künstlerischen Produktionen, Konzerten, Ausstellungen usw., durch Anschaffung und Unterhaltung einer Bibliothek von kunstwissenschaftlichen Werken, durch Halten von Zeitschriften aus dem Kunstgebiete, Beschaffung von Kunstwerken, Benutzung der Presse, durch Zusammenkünfte und Besprechungen der Mitglieder und durch Unterstützung einzelner Künstler und Kunstinstitute".  Das Interesse an diesen geradezu phantastischen Gedanken und attraktiven Angeboten war so groß, daß man wöchentlich eine Zusammenkunft einrichtete, bei der es kurze Vorträge, auch Vorlesungen und musikalische Aufführungen gab.

Eine beispielhafte Aktivität entwickelte der Verein - denkt man heute daran, wie reduziert die Tätigkeit notgedrungen ab der Mitte des 20.  Jahrhunderts nur sein konnte, mit sechs Kammermusik-Abenden pro Jahr.  Hierzu muß konstatiert werden, daß damals keine Überflutung mit Kunst stattfand, auch keine Ablenkungen durch die Medien vorkommen konnten, der Bürger viel mehr Zeit hatte als später im 20.  Jahrhundert - obwohl das Leben, paradoxerweise, immer schneller wurde, immer mehr Erleichterungen angeboten werden konnten.

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